Aus dem Mund der kleinen Kinder

Zu Beginn einer Mahlzeit spielt sich bei uns immer das Gleiche ab. Alle sitzen am Tisch und ich frage: „Wer will beten?“

„Ich!“ Sofort schießt die Hand unseres Jüngsten nach oben. Mit seinen drei Jahren und einem herzlich geringen Interesse daran, sich sprachlich auszudrücken ist er kein geeigneter Kandidat. Jedenfalls ist er nicht in der Lage, kurz und knackig für das leckere Essen vor ihm Dankeschön zu sagen.

Meistens hat sich auch mindestens ein weiteres Kind bereit erklärt. Unser Kleiner ist ein freundliches Kind und akzeptiert es gut, wenn er nicht auserwählt wurde. Aber natürlich können wir seine Gutwilligkeit auch nicht ausnutzen. Wer sich so hingebungsvoll zum beten meldet, muss auch mal beten dürfen.

Alle paar Tage darf  also auch das Kind fürs Essen beten, von dem niemand wirklich ein Gebet erwarten kann.

Und dann fasziniert er uns. Sobald ich sage: „Heute darf Julian beten“, geht ein Strahlen über sein Gesicht. Er wurde ausgewählt! Wie er es bei den großen Geschwistern und Eltern immer wieder sieht, macht er also die Augen zu. Und er verzieht das Gesicht. Sehe ich auch so aus, wenn ich bete? 

Hochkonzentriert beginnt er nun, vor sich hin zu murmeln. Wir lauschen alle gespannt, und manchmal sind ein paar für uns verständliche Brocken dabei.

  • der Tischspruch aus dem Kindergarten
  • was sein Kumpel heute mit ihm gespielt hat
  • dass die Schwester sich wehgetan hat
  • ein Stück von seinem derzeitigen Lieblingslied
  • eine kurze Erinnerung an das Telefonat mit Oma von vorhin
  • Freude darüber, dass er gleich den Löffel ins Essen stecken und alles „wegfressen“ kann

Dann klappen seine Augen ganz plötzlich auf, strahlen uns an und er sagt laut und vernehmlich „Amen!“

Darf er das?

Darf er einfach so vor sich hinbeten, wie ihm der Schnabel gewachsen ist? Das ist doch gar kein richtiges Gebet, oder? Ganz ehrlich, ich habe am Anfang manchmal damit gehadert. Schließlich ist das Gebet ja nicht der Zeitpunkt für eine Volksbelustigung (aber versucht mal, bei so einem süßen und höchst ernsthaft vor sich hinmurmelnden Knopf ernst zu bleiben! Wir haben jedenfalls unsere liebe Not und Mühe damit gehabt). Die großen Geschister sind vor (schlecht unterdrücktem) Lachen manchmal fast vom Stuhl gefallen. Auch wenn sie ihn nicht auslachen wollten, es war einfach zu süß!

Aber mit der Zeit ist immer deutlicher geworden, dass Julians so ganz unorthodoxe Tischgebete viel viel näher an dem dran sind, was Gott sich an Gebet von uns wünscht. Keine fertige Floskel, die man zum passenden Zeitpunkt mal eben „ausspuckt“. Auch keine todernste Angelegenheit, bei der jede fröhliche Regung bestraft werden muss. Respekt hat nämlich gar nichts mit einer Trauermine zu tun (okay, das wusste ich schon länger 😉 ). Gott legt nicht einmal darauf Wert, dass wir in ganzen Sätzen und sinnvollen und logisch aufeinander aufbauenden Absätzen zu ihm beten.

Unser Kleiner hat das Wesen des Gebets intuitiv viel besser erfasst, als wir Großen das oft hinkriegen.

Er teilt einfach das, was ihm auf dem Herzen ist. Die schönen DInge, die nervigen, seine Assoziationen. Er erzählt Jesus von den Leuten, die ihm wichtig sind. Und er freut sich offensichtlich auch auf und über das Essen.

Was würde passieren, wenn ich ihn darauf trainiere, eins der vielen hübschen Tischgebete für Kinder, die es gibt, auswendig aufzusagen? So, wie ich es als Kind ja auch gelernt habe.

Ganz ehrlich? Der Preis ist uns zu hoch. Vor unseren Augen entsteht eine herzliche Beziehung zwischen Jesus und unserem kleinen Sohn. Die beiden haben sich offenbar etwas zu sagen, und zwar ganz ungezwungen und natürlich. Jeder Versuch, eine irgendwie „angemessenere“ Form des Gebets einzuführen, würde unweigerlich dazu führen, diese Entwicklung zu stören.

So üben wir Großen, staunend und auch ein bisschen ehrfürchtig Zeuge zu werden, wie ein kleiner Junge und ein großer Gott im Gespräch sind und ganz selbstverständlich das thematisieren, was grad so dran ist. Wir üben uns darin, nicht nach unseren Maßstäben zu bewerten und einzugreifen. Wir staunen darüber, dass Worte aus der Bibel vor unseren Augen lebendig werden, denn aus dem Mund unseres kleinen Jungen hat Gott sich sein Lob zubereitet.

Beten hat seitdem eine ganz neue Dimension gewonnen.

Jetzt interessiert mich Deine Meinung. Hast Du auch so ein kleines Wunder zu Hause, dass Dich verblüfft und zum Staunen bringt? Welche Erfahrungen hast Du damit gemacht, ein Kind dabei zu begleiten, wie es eine Beziehung zu seinem Papa im Himmel aufbaut?

4 Comments for “Aus dem Mund der kleinen Kinder”

Heinrich

says:

Ein sehr schöner Text. Werdet wieder wie die Kinder…. Wir Erwachsene könne immer etwas von unseren Kindern lernen. Vor alen Dingen dann, wenn sie noch so unprogrammiert sind. Sie sind offt gtößere, wertvollere und weisere Vorbilder als wir Erwachsene.
Danke für die Erinnerung daran.

Victoria M.

says:

Ja wir haben genau auch so einen innigen Beter zu Hause und wir freuen uns über seine Lust. Genau, der grösste Fehler wäre seine Gabe zu unterbingen, weil sein Gebet nicht so tönt, wie man es gelernt hat. Wie es die Umwelt einem beigebracht hat.
Manchmal darf auch zuerst ein anderes Familienmitglied zuerst beten.u.dann darf er noch.

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