4 Gründe, warum Dein Kind nicht aufräumen mag und was Du dagegen tun kannst

„Erst musst du die Sachen hier aufräumen!“

„Will nicht!“

Klingt das vertraut? Aufräumen, etwas beenden, steht so gar nicht auf dem Plan meines Jüngsten. Er kann hingebungsvoll spielen, komplexe Abläufe erfinden, nur ihm bekannte Schalter und Knöpfe bedienen und die passenden Geräusche dazu machen. Oft singt er dazu kleine Lieder, die ihm dabei so einfallen. Herzerwärmend, ganz ehrlich. Ich kann mich gar nicht sattsehen an meinem kreativen Kind.

Aber natürlich muss ich auch die Uhr im Blick haben, er hat große Geschwister, die abends rechtzeitig schlafen gehen müssen, damit sie wenigstens halbwegs fit sind, wenn ich sie morgens wieder aus dem Bett komplimentiere. Und manchmal gibt es halt auch Termine, zu denen wir wenigstens halbwegs pünktlich erscheinen sollten (nicht, dass das eine Stärke von mir wäre … seufz)

Warum nur immer dieses Theater?

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb ein Kind nicht aufräumen möchte.

  1. Es ist in eine ganz eigene Welt eingetaucht, die es nicht zerstören möchte. Sehr verständlich, finde ich. Wenn ich mich gerade in ein Projekt eingearbeitet habe und meine Unterlagen dazu systematisch über meinen Arbeitsbereich ausgebreitet habe, dann möchte ich auch nicht plötzlich alles zusammenraffen und wieder ins Regal stopfen müssen. Du etwa? Bestimmt nicht.
  2. Es will sich gegen Kontrolle von außen abgrenzen. „Trotzphase“ nennt man dies landläufig. „Autonomiebestrebungen“ sagen wohlwollendere Menschen. Fakt ist, dass jedes Kind einen eigenen Willen hat und diesen – so wie jeder von uns – auch gern an verschiedenen Stellen zum Ausdruck bringen und durchsetzen möchte. Den einen reicht es, hie und darauf aufmerksam zu machen, andere Kinder ertragen es ganz schlecht, wenn sie sich jemand anderem unterordnen sollen. Das machen sie übrigens nicht unbedingt, um ihre Mama zu provozieren oder vorzeitig in den Wahnsinn zu treiben 😉
  3. Das Kind identifiziert sich so mit seiner Spielwelt, dass es das Gefühl hat, einen Teil von sich wegräumen zu sollen. Wenn mein Julian gerade vollauf damit beschäftigt ist, seine Lokomotiven anzuleiten, dann spielt er nicht einfach nur mit ihnen, sondern er macht sich selber zu einem Bestandteil dieses Spiels. Er ist dann kein kleiner Junge mehr sondern ein Bahnführer, Verkehrsmanager oder vielleicht Bob der Baumeister, der schnell zum nächsten Einsatz gelangen muss. Sage ich ihm jetzt, dass er die Loks in die Kiste packen soll, müsste er sich quasi selber mit dazupacken, denn er ist Teil der Eisenbahnwelt in diesem Augenblick.
  4. Das Kind ist schlicht überfordert – aufgrund der Menge der Spielzeuge, aufgrund seines persönlichen Zustands (müde, hungrig, brütet was aus, etc.), aufgrund des sonstigen Zimmerzustands …

Und nun?

Tja, aber Du möchtest trotzdem das Zimmer Deines Kindes betreten können. Gern auch, ohne ständig auf irgendwelche Kleinteile zutreten, die sich höchst unangenehm in die Fußsohle bohren. Vorausgesetzt natürlich, die Tür lässt sich überhaupt öffnen.

Jetzt gibt es veschiedene Möglichkeiten.

Der Schneeschieber

Vorteil: Es gibt schnell eine begehbare Gasse, man kann problemlos den Weg zu strategisch wichtigen Orten wie Bett oder Fenster freischieben.

zu spät zum aufräumen
Hier hilft wohl nur noch der Schneeschieber … alles in eine große Kiste schaufeln und dann sortieren …

Nachteil: Natürlich wird das Kind wie am Spieß brüllen und seinen gesamten Widerstand gegen diese rüde Vorgehensweise aufbringen.

Der Umräumer

Vorteil: Strategische Bereiche des Zimmers können wieder frei werden, vielleicht lässt sich das Kind auch überreden, einen Teil seiner Sachen aufzuräumen und nur das draußen zu lassen, was eben wirklich wichtig ist. Die Schienen und Gebäude beispielsweise sind für meinen Kleinen oftmals eher unwichtig, er baut keine Strecken, die er dann abfährt, sondern meistens spielt er so, dass er bestimmte Dinge ausprobiert und damit experimentiert. Das, was schon „abgearbeitet“ ist kann seinetwegen auch weg, nur das aktuelle Experiment sollte stehenbleiben. Damit sind drei Viertel des Krams schon mal aus dem Weg 🙂 Nebenbei kann auch ein bisschen gelernt werden – wenn ich eine dünne, stabile Pappe unter meine Häuser schiebe, kriege ich mehrere auf einmal transportiert zum Beispiel …

Nachteil: Es ist keine schnell-schnell-Lösung, Du musst Dich auf Dein Kind und seinen aktuellen Spielprozess einlassen, die Schmerzgrenze herausfinden, mit anpacken, um Sachen unfallfrei von A nach B zu transportieren. Es kann sein, dass Dein Ordnungsgefühl noch lange nicht befriedigt wurde, bei Deinem Kind aber bereits die Schmerzgrenze erreicht ist.

Der Erinnerungen-Schaffer

Vorteil: Lässt sich Dein Kind darauf ein, seine Bauwerke o.ä. zu fotografieren und vielleicht ausgedruckt in einem Album zu sammeln, können sie anschließend klaglos aufgeräumt werden. Es kann sich dann nämlich auch später immer wieder an seinen gelungenen Ausführungen erfreuen. Für meinen kleinen Sohn wäre das nichts, aber mein großer Junge hat gern Sachen aufgebaut, um sich daran zu freuen, dass er es geschafft hat, so etwas Tolles zu bauen. Übrigens kann man auch einen digitalen Bilderrahmen zur Verfügung stellen, in dem die Bilder als Diashow laufen. So spart man sich den Papierkram. Eine ganz und gar analoge Version wäre noch, dass das Kind malt, was es gebaut hat und sich so selber eine Erinnerung schafft.

Nachteil: Das klappt nur, wenn Mama oder Papa auch konsequent dabei sind, die Erinnerungsbilder auszudrucken und mit Juniors Hilfe abzuheften. Kann das Kind sich darauf nicht ganz sicher verlassen, wird es sich darauf auch schnell nicht mehr einlassen wollen. Auch sollte der Zeitfaktor nicht unterschätzt werden. Malen braucht seine Zeit, und auch Fotografieren aus diversen Blickwinkeln kann aufwändig werden.

Der Vorbeuger

Vorteil: Dein Kind lernt von Anfang an, dass manche Bereiche nicht bebaut werden. Bei uns zu Hause muss beispielsweise der Türbereich der Zimmer immer frei bleiben und spätestens zum Schlafengehen ein Durchgang zum Bett frei sein. Das kann man auch mit kleineren Kindern schon verabreden und ihnen gut zeigen, wie sie selber herausfinden können, ob sie noch im richtigen Bereich sind. Du kannst auch festlegen, dass bestimmte Bereiche – im Wohnzimmer zum Beispiel – nur dann bespielt werden dürfen, wenn hinterher auch klaglos aufgeräumt wird.

Nachteil: Das Kind überschreitet vielleicht im Eifer des Gefechts die abgesprochenen Grenzen oder kann sich doch nicht von seinen Aufbauten mitten auf dem Wohnzimmerteppich trennen. Nun kannst Du eine der anderen bereits vorgestellten Methoden wählen, um doch noch zu Deiner wohlverdienten Ordnung zu kommen 😉 Hier muss ich gestehen, dass ich Türen nicht besonders vorsichtig aufmache, wenn ich meinen Kindern etwas sagen will oder gar die Zeit des Aufräumens einläuten will. Da ich ja davon ausgehe, dass der Türbereich frei ist, mache ich die Tür einfach auf. Manchmal schiebe ich damit unbeabsichtigt auch Spielsachen aus dem Weg. (Ist mein Kind dann sehr traurig über das Ergebnis meiner Schieberei, tröste ich es. Es hat zwar das Ergebnis selber provoziert, aber seine Trauer ist trotzdem real und sollte nicht mit einem „selber schuld“ oder so abgetan werden. Trösten und benennen. Aber nicht werten. Puuh …)

Der Vermeider

Vorteil: Es gibt keine Kämpfe ums Aufräumen.

Nachteil: Die Farbe des Fußbodens gerät in Vergessenheit. Die Füße entwickeln außerdem eine kräftige Hornhaut.

Der Minimierer

Vorteil: Das Kind hat nur ganz wenige Spielsachen, mit denen es entsprechend kein ganz großes Chaos anrichten kann.

Nachteil: Bauwerke können trotzdem strategisch sehr ungünstig platziert sein und eine der oberen Methoden muss zur Anwendug kommen. Die liebe Verwandschaft beschenkt das Kind reichlich und Du kommst mit dem Ausmisten nicht mehr hinterher. Vorbei ist es mit den wunderbar wenigen Spielsachen.

Auf welchem Wege auch immer Du für Ordnung sorgen möchtest, Dein Kind ist nicht freiwillig in diesem Prozess. Jedenfalls normalerweise nicht 😉 Es ist aber eine eigene Person, die als gleichwertig wahrgenommen werden möchte. Zu den schwierigen Prozessen des Eltern-Seins gehört es auch dazu, diese Gleichwertigkeit in einem respektvollen Miteinander auszuleben, bei dem niemand auf der Strecke bleibt und sich nur zu fügen hat – weder das Kind noch die Eltern.

Gerade ein Kind mit starken Autonomiebestrebungen, das immer selber bestimmen will, braucht ein Umfeld, in dem es das Gefühl hat, genügend Entscheidungen treffen zu können. Am Sinnvollsten ist es da, dem Kind tatsächlich über ganz ganz viele Dinge Entscheidungsgewalt zu geben. Kleine Kinder können natürlich noch keine komplexen Abwägungen vornehmen. Mein Dreijähriger kann gut zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden: Willst du die blauen oder die roten Steine einräumen? Wollen wir die Bagger in ihre Kiste räumen oder sollen sie dort drüben stehen? Möchtest du ein Foto machen oder lieber ein Bild malen? Soll Teddy sich deine Stadt einmal anschauen, oder willst du sie lieber sofort aufräumen?

Bei meiner jüngsten Tochter miste ich übrigens gerade aus. Sie hat einfach zu viel Zeug in ihrem Zimmer. (Siehe Foto oben …) Und sie ist dankbar für meine Aktion, fühlt sich selber wohler, wenn das Zimmer deutlich leerer ist.

Ach ja, das elterliche Vorbild soll auch von Bedeutung sein. So hat man es mir jedenfalls gesagt. Allerdings kann ich das so nicht bestätigen. Meine Mutter ist sehr ordentlich, unser Kinderzimmer war – wie die ganze Wohnung – abends immer super aufgeräumt, als mein Bruder und ich klein waren … aber das hat sich bei mir nicht festgesetzt … ich bin furchtbar unordentlich. Und meine Kinder? Na, sagen wir mal so: Wir können uns als Familie noch super weiterentwickeln 😀

 

Bis zum nächsten Mal!

Eure Juliane

2 Comments for “4 Gründe, warum Dein Kind nicht aufräumen mag und was Du dagegen tun kannst”

Stephanie

says:

Hallo Juliane,
ich finde deunen Artikel sehr interessant, nur kam mir die Frage in welchem Zusammenhang steht der Artikel mit Christlicher Erziehung? Den Christlichen Aspekt habe ich nicht erkannt und den der Erziehung in den meisten Punkten auch nicht, da es ja eher Lösungen sind um einen Zustand zu erlangen mit dem die Eltern leben und eher keiner der ein Bewusstsein für Ordnung schafft und damit das Kind verändert.
Mein Kommentar hört sich negativer an als er gemeint ist, ich würde mich sehr über eine Antwort freuen.
Ich selbst habe christliche Erziehung ganz anders kennen gelernt in vielen Familien.
Liebe Grüße
Stephanie

says:

Liebe Stephanie,
Vielen Dank für Deinen KOmmentar! Und stimmt, da ist gar kein expliziter christlicher Bezug drin. Trotzdem finde ich, dass der Artikel hierher gehört. Zum einen haben ja auch christliche Familien mit stinknormalen Alltagssituationen wie eben dem Aufräumen zu kämpfen. Zum zweiten, und das ist mir sehr wichtig, ist es einfach notwendig, von den alten Methoden mit Strafen und Strenge und Erziehung durch Kontrolle und Druck, wegzukommen. Viel zu viele Menschen haben sich von Gott abgewandt, weil sie in ihrem christlichen Elternhaus nicht das gefunden haben, worum es im Reich Gottes geht. Weil sie einen Gott kennengelernt haben, der straft und droht und einschüchtert, der Elend und Leid zulässt und vielleicht sogar herbeiführt. Einen, der sagt: „Pass bloß auf, was Du tust, lass Dich ja nicht erwischen, sonst …“ Es erfordert ein gründliches Umdenken, um von den Wegen des Gesetzes auf die Wege der Freiheit und der Liebe zu gelangen. Und das ist vor allem in Alltagssituationen von Bedeutung, wenn sich zeigt, auf welcher Grundlage wir erziehen.
Das mit dem „Bewusstsein für Ordnung“ … nun ja, da kann ich aus meiner eigenen Geschichte einfach an nichts anknüpfen … meine Mutter hat sich alle Mühe gegeben, und mir war der theoretische Nutzen von Ordnung auch sehr klar, aber es hatte praktisch keine Auswirkungen. Ich bin ja durch mein Chaos durchgestiegen … insofern fürchte ich, dass ich zumindest auf dem Gebiet da gar nichts zu beitragen kann … aber ich bin offen für Anregungen, schließlich hab ich ja auch Kinder … mit meinen Genen … 😉
Liebe Grüße zurück!
Juliane

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.