Offener Brief an Thomas und Katharina

Die Vorgeschichte

Vor ein paar Tagen las ich auf dem Blog eines Online-Bekannten und -Lehrers etwas, was mich zutiefst getroffen hat. Meine Emotionen aufgewühlt hat, mich über Tage stark beschäftigt hat. Er schrieb über eine Entscheidung, die er zusammen mit seiner Partnerin getroffen hat. Diese Entscheidung beinhaltet, dass sie ihrer Sehnsucht folgen und das Land verlassen werden, auswandern werden, und seine beiden Kinder komplett in der Obhut ihrer leiblichen Mutter zurücklassen werden.

nachzulesen hier

Die Flut an Reaktionen – sowohl sehr unterstützende, als auch sehr kritische mit allen Schattierungen dazwischen – veranlassten sie, einen weiteren Beitrag zu verfassen, in dem sie sich mit diesen Stimmen auseinandersetzen.

die weitere Auseinandersetzung, nachzulesen hier

In dieser Auseinandersetzung ist mir sehr deutlich geworden, dass ich „meinen Senf“ dazugeben möchte. Nicht, weil ich mich herumstreiten will, sondern weil ich glaube, dass es mehr Möglichkeiten gibt, als von Thomas und Katharina gesehen werden. Denn ich stand noch vor wenigen Jahren an der exakt gleichen Stelle, wie sie jetzt …

Sehnsucht

Deswegen hier mein offener Brief an die Nestelbergers:

 

Lieber Thomas,

Deine/Eure Entscheidung, auszuwandern, hat mich im Innersten betroffen gemacht. So sehr, dass ich einen inhaltlich sehr wertvollen Frage- und Antwort-Call am Freitag nur in Teilen durchgestanden habe, so sehr hat es mich innerlich geschmerzt. 

Du, Thomas, hast dort immer wieder davon gesprochen, dass wir in unserem Business, bei unseren Kongressen, unserem Herzen folgen sollen. Das ist ja auch total richtig und definitiv auch mein Anliegen und Weg. Aber. Wenn das bedeutet, die Menschen, die mir anvertraut sind im Stich zu lassen, dann ist mir der Preis zu hoch. So waren (und sind) meine Gedanken und Gefühle.

Dabei kann ich Deine/Eure Position so unwahrscheinlich gut nachvollziehen! Mir selber ging es noch bis vor ein paar Jahren genauso. Ich war mit meinem Herzen in einem anderen Land zu Hause, habe mich in einem anderen Volk wohl gefühlt. Nach einem Jahr als Austauschschüler dort war ich innerlich ein neuer Mensch. Bin dort in einem für mich völlig unbekannten Maße aufgeblüht, habe erstmals Zugang zu meinen Emotionen bekommen (so sehr, dass ich jedes Mal, wenn ein gewisser Grad an Emotionalität erreicht wurde, automatisch die Sprache gewechselt habe, weil ich im Deutschen keine Worte hatte für das, was in meinem Inneren passiert). 

Auch bei mir gab es eine Trennung/Scheidung, auch ich habe Kinder aus dieser Ehe. Drei wunderbare Wesen, für die ich glaubte, viel zu lange in einer extrem ungesunden Koabhängigkeit verharren zu müssen. Denen ich nicht mehr Leid zufügen wollte, solange ich mein Leid noch irgendwie halbwegs ertragen konnte. Den Absprung habe ich erst mit HIlfe von (Trauma)Therapie und Seelsorge geschafft. Und immer war diese zusätzliche Sehnsucht in meinem Herzen. Sie wurde sogar noch viel viel stärker, nachdem mein Mann zum Ex-Mann geworden war. Seinetwegen war ich damals doch in Deutschland geblieben …

Trotzdem war ich nicht frei. Meine Kinder waren hier, und ihr Vater würde mir nie gestatten, sie mitzunehmen. Und es war für mich unvorstellbar, sie einfach zu verlassen. Sie ganz ihrem Vater zu übergeben und der tiefen Sehnsucht in meinem Herzen zu folgen. Und – wie Ihr Euch sicherlich lebhaft vorstellen könnt – bin ich daran immer wieder verzweifelt. Ich habe gelitten, körperliche Schmerzen gehabt vor Sehnsucht. Nächtelang mit wiederentdeckten Schulfreunden von damals geskyped und geschrieben. Meine Therapeutin mit dem Thema halb kirre gemacht 😉

Der Zwiespalt war nicht auszuhalten. Konnte ich der tiefsten Sehnsucht meines Herzens folgen und meine Kinder damit (erneut) zutiefst verletzen? Konnte ich mich selber zutiefst verletzen, indem ich dieser tiefen Sehnsucht nicht folgte? Wie würde es meinen Kinder gehen mit einer Mutter, die innerlich ständig ganz woanders ist? Die mit allen Fasern ihres Herzens in ein anderes Land, auf einen anderen Kontinent strebt? 

Als Christ habe ich natürlich auch viel gebetet – alleine und mit guten Freunden zusammen. Habe mit Gott gerungen, um eine gangbare Lösung für mich zu finden. Und lange passierte nichts. Die Zerrissenheit blieb, die Verzweiflung, weil ich die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten hatte, die beide keine waren. Weil ich von Gott keine Antwort bekam. Weil sich kein Ausweg ergab. 

In der Therapie stellte sich dann erstmals die Frage, ob es eine Möglichkeit für mich gäbe, hier zu bleiben und damit glücklich zu sein. „Absolut unvorstellbar“ – davon war ich zutiefst überzeugt! Ich wollte nicht einmal die Option ins Auge fassen. Es hätte sich wie Verrat an meinem Lebenstraum angefühlt. Zu tief saß meine Sehnsucht, zu stark war die Verbundenheit, zu deutlich war mir bewusst, woran es hierzulande krankt und was mir fehlt. Welche Dinge ich brauche, um mich zu entfalten, um glücklich sein zu können. Der Gedanke begann offenbar, sich trotzdem einzugraben. Und langsam, ohne, dass ich es bewusst forciert hätte (oder auch nur ansatzweise dazu in der Lage gewesen wäre), änderten sich Dinge. Kleinigkeiten im Prinzip nur. Begegneten mir hier in Deutschland Menschen, die mir auf ähnliche Weise gut taten, wie ich es aus meiner gefühlten Heimat kannte. Wurde ich selber freier, einfach ich selber zu sein – so, wie ich es vor Jahren schon einmal gelernt hatte und dann wieder vergraben, als ich zurück musste.  Fand ich Leute in meinem Umfeld, die auf wesentlichen Ebenen ähnlich tickten. Entdeckte ich online noch mal ganz neue Möglichkeiten. Lernten auch meine tiefen Emotionen die deutsche Sprache. 

Und mit der Zeit geschah es – ich wurde innerlich heil. Die schmerzhafte Sehnsucht war verschwunden. Ich hatte mir erlaubt, die undenkbare Möglichkeit – hierbleiben und dabei glücklich sein – anzuschauen. Entgegen meiner Überzeugung hatte sie mich nicht verschlungen, hatte ich nichts verloren. Dafür hatte ich viel gewonnen. Zum einen natürlich die Möglichkeit, weiterhin meine Kinder bemuttern zu können. Dazu eine innere Zufriedenheit mit mir und meinem Leben, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Innere Heilung. 

Seitdem hat sich vieles in meinem Leben positiv verändert. Entwicklungssprünge, wie ich sie hierzulande nicht für möglich gehalten hätte, passierten. Und ich stehe manchmal heute noch dankbar und staunend da. 

Den Ausschlag hat gegeben, dass ich mich nicht auf zwei Möglichkeiten beschränkt habe, sondern ernsthaft in Betracht gezogen habe, dass es eine dritte Möglichkeit geben könnte. Es ist schmerzhaft, dies auch nur zu denken. Es kostet viel Mut, den Blick von dem zu lösen, dessen man sich so sehr sicher ist (ich weiß, wovon ich spreche …). Und es ist natürlich keine Garantie. Manchmal bleibt es einfach trotzdem bei den zwei Möglichkeiten (auch da weiß ich, wovon ich spreche 😉 ).

Ich möchte Dir und Euch Mut machen, auch andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Den Blick zu weiten. Zuzulassen, dass Ihr im Innersten verändert und geheilt werden könnt, und damit noch einmal ganz neue Perspektiven gewinnt. Zum Wohl der Kinder, die einen anwesenden (glücklichen) Vater verdient haben. 

Ich wünsche Euch von Herzen einen Weg, der für wirklich alle Betroffenen okay ist, gut gangbar. Bei dem niemand auf der Strecke bleibt. Eine dritte Möglichkeit, bei der die inneren Wunden geheilt werden können, die Wut verarbeitet und der Schmerz bewältigt werden können. Bei der vielleicht ein ganz anderes Ergebnis am Ende stehen kann. Gern bete ich (weiterhin) für Euch, wenn Ihr das möchtet.

Juliane

 

4 Comments for “Offener Brief an Thomas und Katharina”

wilma

says:

Liebe Juliane, es ist eine wirkliche Freude deinen Bericht zu lesen, du hast die Herausforderung angenommen und dein Herz geöffnet. 🙂

Ich finde es nur schade, das dein Text nicht auf der Seite von Thomas und Katharina aufscheint auch der Link auf ihrer Seite zu deiner Seite funktioniert nicht.

Vielen Dank und alles Liebe

Wilma

says:

Liebe Wilma,
vielen Dank für Deine ermutigenden Worte! Ich hab mich ein paar Tage damit herumgeschleppt und konnte am Ende dann nicht andes, als etwas zu schreiben …
Wie das mit den Links funktioniert und nicht funktioniert, davon hab ich leider gar keine Ahnung, muss ich mal meinen „Webguy“ fragen. Aber ich denke, ich werde den Link zu diesem Artikel noch mal bei Facebook in der Gruppe posten, dann können sie es sich ansehen, wenn sie möchten 🙂
Liebe Grüße
Juliane

wilma

says:

Liebe Juliane, das mit Facebook ist eine gute Idee, ich denke es ist für die beiden auch wichtig, wenn sie dafür offen sind, dass Emotionen oft nicht auf das abzielen, wie sie scheinen. Also es ist anders, als es scheint……. 😉 so ungefähr.
Und deine Geschichte zeigt eben diesen wahren Weg, indem du diesen scheinbaren Schein durschaut hast.
War das jetzt zu Wirrwarr, na egal <3 <3 <3

says:

Dabei könnte ich nicht mal behaupten, dass ich es durchschaut habe … (im Gegensatz zu meiner Therapeutin, glaub ich 😀 ) … habs ja auch erst hinterher gesehen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.